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Genießen Sie die Analyse von Dr. Hubertus Schlenke!

Hetty Liebelt
Big Sam - the answer to Lucian Freud 
Öl auf Leinwand
150 x 220 cm
Hetty Liebelt

Rezeptionsästhetische Analyse
des Bildes „Big Sam“

Die belgische Künstlerin Hetty Liebelt, 1950 in Antwerpen geboren, studierte an der Fachhochschule für Grafik ebenda, malt vorwiegend in Acryl und Öl. Ihre Motive sind gegenständlich, und sie umfassen ein breites Spektrum von der Architektur über die Landschaft, das Objekt, das Stillleben bis hin zur Figur.  Sie zählt  zu den eher zurückhaltenden Künstlerinnen und hat sich den marktschreierischen Gesetzen des zeitgenössischen Kunstmarktes nicht unterworfen.

Die Künstlerin entwickelt  in  ihrem gerade gemalten Bild „Big Sam“, 2009 - eine Reaktion auf Lucian Freuds „Big Sue“, 1995 -   ein psychologisch, feines  und durchdringendes Gefühl für die menschliche Figur.

Eine Figur  wie „Big Sam“  muss  den Betrachter zunächst wegen ihrer  markant plastischen Form irritieren.  Die  gewohnten Sehkonventionen eines Kunstrezipienten werden wegen der  Masse der voluminös durchmodellierten  Gestalt gesprengt.  Das männliche  lebensgroße Aktmodell  ist   in seiner   besonderen Charakteristik erfasst und scheint auf den ersten Blick die Dekadenzen der Moderne zu vergegenwärtigen.  Die gewaltige Körperlichkeit der Figur  ist aber nicht  in einer schreiend expressiven Manier, sondern  vielmehr behutsam und sehr zurückhaltend gemalt. 

Hetty Liebelt  sieht ihr Modell offenbar mit einer zärtlichen Zurückhaltung. Aus der Perspektive der Kunstgeschichte zeigt  die Künstlerin   hinsichtlich  der Körpermodellierung der Figur eine Vorliebe für  die Stilepoche des Manierismus und des Barock. Michelangelo und Rubens, die ihre künstlerische  Betonung auf  muskulöse Kraft und  ausgedehntes Körper-volumen setzten,  stehen Liebelt  assoziativ bei der Erschaffung der Körperlichkeit von „Big Sam“ Pate.

„Big Sam“ ist ein in sich ruhender „Dreihundert-Pfund-Mensch“, der sich selbstbewusst, wie eine männliche Venus liegend,  in ruhender Pose auf einem bereits in Zersetzung befindlichen Sofa als Akt im Halbschlaf portraitieren läßt.  Das sich in Zersetzung befindliche Sofa kann hier als eine Art Soulignement  oder als Metapher für das männliche Aktmodell gelten. Die  Vergänglichkeit und  der Verfall des Menschen (Nature mort)  und der Verfall des Möbels antworten kontrapunktisch aufeinander.

Jede einzelne Falte des dickleibigen  Menschen ist in realistischer Plastizität wiedergegeben. Hetty Liebelt  arbeitet hier mit einer äußerst schmalen Farbpalette, in der monochrome Grautöne überwiegen.  Die Zurücknahme  bei der Farbe erhöht die Plastizität der Figur.

Ist der weibliche Akt  in jeder Form bis hin zu den fettleibigen Gestalten eines Fernando Botero oder Lucian Freud in der zeitgenössischen Kunst bereits durchdekliniert, so ist der männliche Akt bis heute oft nur idealisierend  und nicht selten  aus dem Blickwinkel des Mannes dargestellt worden.

Die Künstlerin Hetty Liebelt entwickelt in Ihrem Gemälde „Big Sam“ eine malerisch definierte Zuneigung  zum  männlich barocken Menschen  der Moderne. Wie eine liebenswerte  Buddhafigur weilt dieser Mensch  friedlich und stolz in sich.  Liebelt schafft hier den Gegenpart zu Lucian Freuds „Big Sue“.  Malerisch gesehen trifft   sie die Figur nicht in der Härte, Brutalität und Übertriebenheit wie etwa Lucian Freud, sondern verleiht  der Figur im Unterschied eine Weichheit und Beschwingtheit, keine Expressivität, sondern Sachlichkeit und Sinnlichkeit. Das unterscheidet hier offenbar das weibliche von dem männlichen  Auge. 

Die differenzierte, geschlechterspezifische  Betrachtungsweise der zwei motivisch ähnlichen - aber  inhaltlich  sehr verschiedenen - Kunstwerke ist, wahrnehmungspsychologisch gesehen, äußerst spannend:

Während Freuds Blick auf „Big Sue“ (Susan Tilley, 51)  in  harter und zersetzender Manier wie mit einem Röntgenauge auf ihre dekadente Schwerlastigkeit  und  mit der Hervorhebung  Sue Tilley`s  Griff an ihre rechte Brust auf   ihre individuelle Weiblichkeit und Sexualität zielt, verbleibt die Interpretation Liebelts bei „Big Sam“ (Klaus Busch, 32) in der stillen Distanz zum Modell. Eine  rauschartige  Aggressivität beim Vorgang des Malens  ist hier keineswegs zu erkennen.

Lässt  sich Lucian Freud, inspiriert  durch das Modell,  in den Zustand eines malerischen Rausches  versetzen, verbleibt  Hetty  Liebelt  in einem Moment des sinnlichen, jedoch sachlichen Beobachtens. Sie berührt  die philosophische Ebene und vermittelt  der Figur „Big Sam“ damit stille Größe, während Freud durch das stark rosa, fleischige und expressiv gemalte Inkarnat mit einer Übertriebenheit  die weibliche Intimsphäre durchdringt.

Die Gegenüberstellung des Werkes „Big Sam“, 2009, gemalt von Hetty Liebelt, mit Lucian Freuds „Big Sue“,1995,  führt zu einem interessanten - vielleicht  sogar geschlechterspezifischen - Ergebnis:

Wahrnehmungspsychologisch betrachtet  ist  das malerische Auge von Hetty Liebelt zurückhaltender, vielleicht auch ihrem Modell gegenüber sinnlicher und weniger sexistisch. Freuds Blick  umkreist sein Modell  mit all seinen fünf  Sinnen in einer faustisch radikalen  und unverkennbar männlichen Art. Alles ist drastischer und extremer dargestellt. 

Zielt die Arbeit von Lucian Freud mehr extrovertiert, wohl ungewollt auf die Empörung des Beschauers, so geht es   Liebelt bei „Big Sam“  um die nach innen gekehrte, stille Ruhestellung der Figur.

Die Künstlerin Hetty Liebelt zeigt uns mit „Big Sam“ den eher zurückhaltenden, verträumten Blick eines liegend  meditierenden Menschen im Halbschlaf in ihrer vollkommenen Würdigung. Es stellt sich trotz oder gerade wegen des dickleibigen  Körpers beim  Betrachter nachhaltig ein Gefühl von Sympathie, Liebenswürdigkeit  und Behaglichkeit ein.

Liebelt zeigt ein ausgewogenes Maß an Sinnlichkeit und Erfahrung bei der Betrachtung und psychologischen Durchdringung ihres Modells. Sie stellt dem britischen Künstler Lucian Freud eine differenzierte und oppositionelle Haltung in der Portraitkunst entgegen, indem sie weniger auf die künstlerische Hervorhebung des greifbar nahen Individuums zielt und so Big Sam“ eine kommunitäre, distanzierte, nahezu deistische Unantastbarkeit verleiht.

Die Courage der Künstlerin, auf Lucian Freuds „Big Sue“ zu  reagieren, zeugt einerseits von einer Portion Witz und Humor, andererseits spricht ihre künstlerische Umsetzung  die Sprache von Zauber und einer uneingeschränkten Magie, mit der sie ihr Modell  auratisch umhüllt.

 

Dr. phil. Hubertus Schlenke

Köln, im Herbst 2009

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